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Tausend Seelen in einer verzweifelten Brust –
Die WGJ1C bei Hermann Hesses „Steppenwolf“ im Theater „JES“

Statt ein Drama zu inszenieren lieber einen Hesse-Roman für die Bühne adaptieren? Fünf Schauspieler, die ein und dieselbe Romanfigur spielen? Ein DJ, der im Theater coolen Trap-Sound auflegt? Ein Breakdancer, der auf der Bühne tanzt? Schauspieler, die in schriller Kleidung als Band auftreten? Eine humorvolle Inszenierung bei einem Protagonisten, der so verzweifelt ist, dass er sich umbringen will? Das soll funktionieren und für den Deutschunterricht gewinnbringend sein? Ja, das tut es. Ja, das ist es. Beides bewies die „Steppenwolf“-Inszenierung von Regisseurin Brigitte Dethier im Theater „Junges Ensemble Stuttgart", die die Klasse WJ1C am 15. Dezember 2018 gemeinsam mit ihrem Deutsch-Lehrer David Nagler besuchte.

Copyright: Alexander Wunsch

Ziel dieses Theaterbesuchs war es, den Jugendlichen einen neuen kulturellen Ort schmackhaft zu machen oder, um es mit Schiller zu sagen, ihnen die Bretter zu zeigen, die die Welt bedeuten. Schließlich sahen die meisten Schüler an diesem Abend zum ersten Mal ein Theater von innen. Gleichzeitig war die Wahl des Theaterstücks der Tatsache geschuldet, dass „Der Steppenwolf“ eine der Lektüren ist, mit denen sich die Schüler im Deutsch-Abitur auseinandersetzen dürfen. Die Hoffnung war dementsprechend, dass die Inszenierung den jungen Theaterbesucher einen Zugang zu dem Roman öffnet, der durch seine Handlungsarmut nicht ihren üblichen Leseerfahrungen entspricht. Außerdem erhofften sich manche Schüler ein besseres Verständnis für den Protagonisten Harry Haller, der so viel älter ist als sie selbst.
Und die Inszenierung hielt, was sie versprach. Denn entgegen der Gewohnheit des heutigen Regietheaters hielten sich die Schauspieler ausgesprochen eng an den Originaltext. Auch die theatralischen Mittel der Regisseurin dienten keineswegs der bloßen Effekthascherei, sondern veranschaulichten die Handlung und viele zentrale Themen des Romans ebenso passend wie kreativ.

Copyright: Alexander Wunsch

Beispielsweise wurde der Protagonist Harry Haller ganz bewusst von verschiedenen Darstellern gespielt, um so die Vielfalt seiner Persönlichkeit zu verbildlichen, sozusagen die tausend Seelen in Harrys verzweifelter Brust. Auch der moderne Trap-Sound, den Marie-Christin Sommer als Pablo auflegte, ließ bei den jungen Zuschauern nicht nur die Füße wippen, sondern übertrug die Handlung geschickt in die Gegenwart. Schließlich spielt auch Hesses Pablo leidenschaftlich moderne Musik, wie den zur Zeit der Romanhandlung in den 1920er Jahren angesagten Jazz, der heutzutage für die jungen Zuschauer aber altmodisch klänge. Nicht zuletzt die Tatsache, dass Pablo von einer Schauspielerin dargestellt wurde, passt zum Roman, da Hesses Pablo als bisexuelle Figur angelegt ist, die versucht die üblichen Geschlechtergrenzen zu überwinden.
Beeindruckt waren die Schüler von Lin Verleger, der zwischen den Szenen breakdancte und durch seine Choreographie Hallers Zerrissenheit zum Ausdruck brachte. Außerdem veranschaulichte er mit dem Tanzen ein zentrales Leitmotiv des Romans. Denn ein Weg, um den einsamen Steppenwolf in Harry zu besiegen, ist eben tanzen, das er von seiner Spiegelfigur Hermine lernt, gespielt von Anna-Lena Hitzfeld.

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Wie gut die Vorstellung bei den jungen Zuschauern ankam, zeigte das Lachen, das immer wieder auf den Sitzbänken zu hören war. Die offensichtlich bewusst humorvollen Sequenzen erleichterten den Schülern nicht nur den Zugang zum Bühnengeschehen, sondern auch das Verständnis für Hesses Werk. Schließlich lehrt Hermine ihrem Seelenverwandten Harry eben dieses Lachen und eben diese Leichtigkeit, um seine Lebensmüdigkeit zu überwinden. Außerdem bewahrt die Theaterfassung auf diese Weise ironische Distanz zum selbstmitleidigen Schöngeist Harry Haller und deutete an, wie selbstgerecht und elitär dessen Weltschmerz tatsächlich ist.
Am Ende des Abends stand eine Inszenierung, die vorführte, wie geistreich, witzig, durchdacht und gewinnbringend Theater sein kann. Möglicherweise haben es die Schauspieler und die Regisseurin sogar geschafft, den ein oder anderen Jugendlichen zu animieren nochmals privat ins Theater zu gehen.
Um den Lernerfolg zu sichern, analysierten die Schüler die Inszenierung im Unterricht und nahmen selbst Stellung dazu, indem sie individuelle Rezensionen verfassten.

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