Die Deutsch-Abiturienten im Theater beim „Zerbrochnen Krug“

Warst du schon einmal im Theater und wenn ja, würdest du es wieder machen? Wir, die Klassen WGJ2B und WGJ1A, können die Frage mit einem klaren Ja beantworten. Denn wir machten wir uns gemeinsam mit unserem Deutschlehrer Herrn Nagler auf den Weg ins Alte Schauspielhaus in Stuttgart, um das Theaterstück „Der zerbrochene Krug“ anzusehen.

Darin geht es um einen spannenden Gerichtsstreit um einen zerbrochenen Krug, hinter dem der Dorfrichter Adam selbst als Täter steckt, der die junge, ungebildete Eve sexuell nötigt. Durch seine abenteuerlichen Geschichten und absurden Versuche, sich mithilfe verschiedener lustiger Lügen herauszureden, um seine Tat zu vertuschen, entstand für die Zuschauer eine besondere Komik. Die WGJ1B kannte das Theaterstück schon so gut wie auswendig, schließlich ist das Werk Heinrich von Kleists unsere Abiturlektüre, weshalb wir uns im Unterricht bereits intensiv damit auseinandergesetzt hatten.

Für viele von uns war es der erste Theaterbesuch. Warum hätten wir auch freiwillig ins Theater gehen sollen? Ist das nicht etwas für Rentner oder für Menschen mit Langeweile? Im Verlauf des Abends wurde uns aber klar, dass Theater keineswegs nur etwas für alte Menschen ist, sondern vielmehr eine Kunstform, die unterhalten kann und alten Geschichten neues Leben einhaucht, indem sie überzeitliche Themen auf die Bühne bringt.

Das Alte Schauspielhaus in Stuttgart ist ein kleines, historisch charmantes Theater. Der Aufführungssaal erstreckt sich über drei Etagen und in der zweiten Etage befindet sich eine Bar. Auch das Bühnenbild gefiel uns, da es die Dramenhandlung schön veranschaulichte: So gab es einen großen Richtertisch, Schneespuren an der Wand, Strohballen auf dem Boden sowie schräg aufgestellte und aufgehängte Möbelstücke, die symbolisierten, was für eine Unordnung in Adams Gericht herrscht und dass Recht und Gerechtigkeit hier aus dem Gleichgewicht geraten sind. Sogar der alte Kaminofen im Hintergrund gab ab und an Dampfwolken von sich.

Die Inszenierung war unterhaltsam und witzig, obwohl es ein Lustspiel aus dem 19. Jahrhundert ist. Vor allem die Schauspieler erweckten den Kleist’schen Theaterstoff mit ihrer Ausdrucksweise zum Leben. Ihre Stimmen hallten mit Inbrunst durch den ganzen Saal und gaben uns das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Dank ihnen fiel uns die anspruchsvolle Sprache Kleists gar nicht mehr schwer, sondern wir waren sogar froh, dass die Inszenierung eher klassisch als modern war und sich eng an Kleists Textfassung hielt. Besonders witzig war der Anfang des Stücks, weil der Dorfrichter unter dem Richtertisch geschlafen hatte und sich beim Aufwachen den Kopf anschlug. Außerdem war es für uns unterhaltsam, dabei zuzusehen, wie Adam sich durch seine ständigen Lügen ins Verderben stürzt.

In der Pause spendierte uns Herr Nagler Getränke und wir erkundeten das Theater, wobei wir auf viele Schüler anderer Schulen stießen. Ebenso wie wir, schienen auch sie recht zufrieden mit der Inszenierung zu sein.

Nach der Pause wurde das Theaterstück fortgesetzt und, wie sagt man so schön: „Das Beste kommt zum Schluss.“ Denn als sich das Stück dem Ende zuneigte, wurde es noch einmal aufregend, da das Drama seine Wendung nahm. Als Zuschauer, der das Stück nicht kennt, mag man bis dahin gedacht haben, dass im Gerichtsstreit der eigentlich unschuldige Ruprecht verurteilt wird. Doch stattdessen wurden die Lügen des Dorfrichters Adam immer skurriler, ehe die Nachbarin, Frau Brigitte, und der Schreiber Licht den wahren Täter enttarnten. Obwohl wir das Stück kannten, war dieses Ende für uns das Beste, da man so schön dabei zusehen konnte, wie Adam Stück für Stück auffliegt und die Liebe zwischen der bemitleidenswerten Eve und ihrem impulsiven Verlobten Ruprecht doch noch möglich wird.

„Der zerbrochne Krug“ hat auch heute noch eine Bedeutung in unserer Gesellschaft, da Kleists zentrale Themen wie Machtmissbrauch, Lügen, Ungerechtigkeit und Liebe weiterhin relevant sind. Zum Beispiel erinnert das Stück an den Fall des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, der seinen Einfluss missbrauchte, um Schauspielerinnen sexuell zu nötigten. So lehrt das Stück seine Zuschauer bis heute, dass man seine Macht nicht für seine Triebe ausnützen sollte und dass man - anders als es Ruprecht tut – seiner Partnerin bedingungslos vertrauen sollte, wenn man sie tatsächlich liebt. Nicht zuletzt wurde uns auf der Bühne vor Augen geführt, wie wichtig aufgeklärte Bildung und Klugheit sind, um nicht selbst zum Opfer zu werden und um Ungerechtigkeit zu verhindern. So lässt sich abschließend festhalten, dass dieser Theaterabend für uns eine unvergessliche Erfahrung war.

Selina Emini

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