Die WGJ1A auf Studienfahrt in Valencia

Der Wecker klingelt, ich schaue auf die Uhrzeit. Es ist 3:30 Uhr. Normalerweise würde ich um diese Uhrzeit noch drei Stunden weiterschlafen. Doch heute ist der Tag, auf den ich schon so lange gewartet habe. Um 4:00 Uhr trifft sich die WGJ1a am Eingang des Flughafens. Bereit, um durch die ganzen Kontrollen zu kommen, stellen wir uns an. Mist, falsche Schlange! Dann eben nochmal. Diesmal scheint alles reibungslos zu gehen. Doch der Schein trügt: Zwei Schüler haben ihren Personalausweis zu Hause im Kopierer vergessen. Schnell klingeln sie die ganze Familie aus dem Bett. Genau dafür hat man doch einen Bruder und einen Papa, die heldenhaft mitten in der Nacht zurück zum Flughafen rasen, um aus der Patsche zu helfen und die nötigen Ausweise zu bringen. Danach konnte uns nichts mehr aufhalten: Check-in, mit dem Bus aufs Rollfeld, ins Flugzeug und Abflug hoch über die Wolken.

Sommer, Spanien, blauer Himmel, Sonnenschein. Oder etwa doch nicht? Nicht ganz. Stattdessen begrüßte uns Valencia mit schwülem Tropenwetter und wolkenverhangenem Himmel. Aber das sollte unsere Laune nicht trüben. Hungrig vom Flug machten wir uns sogleich auf zum modernistischen Mercado Central aus dem Jahr 1928, der opulent dargebotene Berge an Obst, Gemüse, Gewürzen und Süßem zu bieten hatte. Beeindruckt schlenderten wir durch die mit 8000 Quadratmetern größte Markthalle Europas, die mit ihren bunten Mosaikfenstern, ihrem kreuzförmigem Grundriss und ihren hohen Kuppeln eher an eine Kathedrale erinnert. Natürlich nutzten wir die Gelegenheit, um das Nationalgericht Valencias zu probieren - Paella. Lecker!

Auf dem Rückweg zum Hostel spendierte uns Herr Nagler in seiner Insider-Eisdiele einen griechischen Frozen Yoghurt. Fragwürdig, warum wir griechisches Eis in Valencia aßen? Ganz egal. Wir essen ja auch italienisches Eis in Deutschland und da wundern wir uns auch nicht! ;-) Manche Schüler waren von dem Eis sogar so angetan, dass sie die nächsten Tage über zum Stammgast wurden.

Für den Abend hatte Herr Nagler mit uns eine Stadtführung geplant. Das hört sich für einen Haufen müder Schüler in etwa so aufregend an, wie Deutschunterricht am Nachmittag. Aber Pustekuchen! Fabiola, unser Guide, erzählte mal auf Deutsch und dann wieder auf Spanisch interessante Details über die Geschichte Valencias und zeigte uns viele Sehenswürdigkeiten. Meine Lieblingsgeschichte handelt vom Wappentier Valencias: der Fledermaus. Einst soll sie dem König der Stadt das Leben gerettet haben, als sie einen auf den König zufliegenden Pfeil stoppte, indem sie dessen Flugbahn kreuzte. Wenn das stimmt, hat sie es mehr als verdient, bis heute im Stadtwappen verewigt zu werden. Eine echte Batman-Geschichte mit einem echten Helden. Am Ende der Führung muss, ähh durfte jeder von uns preisgeben, was er oder sie gelernt hat. Und das war so Einiges. Sogar Fabiola lobte uns dafür, wie aufmerksam wir mitgemacht hätten. Unsere Lehrer waren darüber vermutlich mindestens so überrascht wie wir.

Der Sonntag fing nicht gerade optimal an. Wer von Haus aus schon ein Morgenmuffel ist, hatte noch mehr zu muffeln als sonst. Denn das Hostel hatte vergessen unser Frühstück vorzubereiten. Wie kann man uns bitte vergessen? Als das Missverständnis geklärt war, bekamen wir schließlich doch noch eine Art stärkende Nahrung, um in den Tag zu starten.

Eine Tradition in Valencia ist der Stierkampf. Um einen Eindruck hiervon zu bekommen, besuchten wir das Museum der Stierkampf-Arena. Die gigantische neoklassizistische Arena aus dem Jahr 1859, die von außen an das römische Kolosseum erinnerte, durften wir allerdings nicht betreten, was zumindest ich nicht bedauerlich fand. Denn das ist ein doch recht brutaler Ort. Im Museum war ich von der Größe der Stiere beeindruckt, von denen man mehrere ausgestopfte Prachtexemplare „bewundern“ konnte. Und auch die bunten Trachten der Kämpfer waren interessant. Dennoch ist Stierkampf eine Tradition, die mir nicht gefällt. Denn wir konnten in dem Museum auch einen ausführlichen Dokumentarfilm anschauen, in dem ein authentischer Stierkampf in der Valencianischen Arena gezeigt wurde. Und dieses Schauspiel wirkte auf mich letztendlich doch wie Tierquälerei.

Um wieder auf andere Gedanken zu kommen, nutzten wir die anschließende freie Zeit mehr oder minder produktiv. Manche Mitschüler verabredeten sich am Strand, um zu baden, in der Sonne zu chillen und sich die Bäuche zu verbrennen. Ich selber verfolgte mit Frau Meißner und meinen zwei Freundinnen das Ziel, Valencias Läden leerkaufen.

Sehr beeindruckt hat mich die gothische Kathedrale Valencias, die wir abends besichtigten. Sie ist riesig und prunkvoll. Doch das Spannendste war etwas Anderes: Nachdem wir uns 270 Stufen auf ihren Glockenturm hochgeschleppt hatten und die Aussicht genießen wollten, wurden wir Zeugen einer Verfolgungsjagd zwischen Polizei und illegalen Straßenhändlern unten auf der Plaza de la Virgen. Die Straßenhändler trugen schlussendlich einen knappen Sieg davon. Fast so bemerkenswert war, dass in der Kathedrale eine der kostbarsten christlichen Reliquien aufbewahrt wird: nämlich der Becher, mit dem Jesus einst das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern feierte. Und die katholische Kirche ist felsenfest davon überzeugt, dass es sich um das Original handelt. Welches Sprichwort könnte da besser passen als „wer es glaubt, wird selig“.  

Einen der flinken Straßenhändler belohnten unsere Jungs anschließend, indem sie sein Sortiment leerkauften und sich mit spanischen Flaggen, Trikots und Tröten ausstatteten, um bei dem am Abend stattfindenden Fußball-WM-Finale nicht als deutsche Kartoffeln aufzufallen. Um 18 Uhr positionierten wir uns auf dem zentralen Plaza del Ayuntamiento, der als Public Viewing-Location diente. Dort wollten wir drei Stunden später das große Spiel gemeinsam mit zehntausenden Einheimischen auf einer Leinwand anschauen. Das Spiel erwies sich zwar als nicht besonders spannend, aber das tat der Freude über den spanischen WM-Sieg keinerlei Abbruch. Gefühlt war die gesamte Stadt auf den Beinen und aus allen Kehlen schallte es: „yo soy Español, Español …“. Nach dem Schlusspfiff machten wir uns zu Fuß auf den mehrstündigen Heimweg, da aufgrund der Menschenmassen keine Bahnen und Busse mehr fuhren. Aber wegen des allgegenwärtigen Freudentaumels wurde diese Nachtwanderung zu einem unvergesslichen Erlebnis. Unsere Jungs fühlten sich wie Spanier, feierten mit den euphorisierten Einheimischen und sorgten für ordentlich Lärm, indem sie ihre letzten Gehirnzellen in die Tröten pusteten. Am nächsten Tag fragten sie sich, warum sie Ohrenweh haben. Typisch Jungs eben. Vor unserem Hostel blockierten dann noch zwei Autos die Straße und drehten die Musik so laut auf, dass es nicht lange dauerte, bis unzählige Menschen mitten auf der Straße tanzten.

Unser Montag begann mit einem Besuch im Oceanografico, dem größten Meeresaquarium Europas. Dort tauchten wir in eine geheimnisvolle Welt voller Farben mit einer ganz besonderen Atmosphäre ein. So lief ich durch einen Tunnel, in dem rund um mich unzählige bunte Fische, große Rochen, majestätische Wasserschildkröten und angsteinflößende Haie schwammen. Das war irgendwie magisch. In einem eiskalten Becken bewunderten wir Belugas, also weiße Wale, die beim Tauchen so wirkten, als würden sie uns verschmitzt anlächeln. Nicht bewusst war mir bis dato, wie schön und groß Quallen eigentlich sind. In den Außenbereichen beeindruckten die uralten Galapagos-Riesenschildkröten, die rosa leuchtenden Flamingos und die verspielten Seelöwen. Wer wollte, konnte sich sogar eine Delfinshow anschauen, in der die intelligenten Meeressäugetiere durch die Lüfte sprangen.

Das Oceanografico ist Teil der sogenannten Stadt der Wissenschaft und Künste. Entworfen von Santiago Calatrava, dem berühmtesten Architekten Spaniens, liegt sie mitten im wunderschönen Park Turia im trockengelegten Bett des gleichnamigen Flusses. Von dieser Ciutat de les Arts i les Ciències präsentierte uns Herr Nagler als nächstes den 320 Meter langen Palmengarten Umbracle mit seinem filigranen Dach. Von hier hatten wir einen großartigen Blick auf Calatravas andere futuristische Gebäude. Wir erfuhren, dass sich Valencias berühmtester Sohn bei seiner Architektur von der Natur inspirieren lässt und seine Gebäude an die Tier- und Pflanzenzwelt oder an die menschliche Anatomie erinnern. Und tatsächlich erinnerten die Gebäude vor uns an eine Wasserlilie, ein Walskelett und eine Muschel, die allesamt auf leuchtend hellblauem Wasser schwebten und so auf Valencias Identität als Meeresstadt verwiesen. Das Walskelett sollten wir am nächsten Tag noch näher kennenlernen, denn im Skelettinnern versteckte sich das Wissenschaftsmuseum.

Das IMAX-Kino Hemisferic mit seiner gigantischen runden Leinwand erinnerte von außen passenderweise an ein menschliches Auge. Dort schaute ich anschließend gemeinsam mit Herrn Nagler und zwei Mitschülern einen 3D-Tierfilm an. Trotz der spektakulären Tier- und Naturaufnahmen könnte ich wetten, dass all meine Begleiter mindestens einmal eingedöst sind. Auch wenn sie das natürlich niemals zugeben würden.

Abends wollten wir Mädels gemeinsam mit Frau Meißner und Herrn Nagler nach einem gemeinsamen Abendessen den Tag auf einer Skybar mit einem Agua de Valencia, dem klassischen valencianischen Cocktail, ausklingen lassen. Leider war diese Bar erst ab 21 Jahren, so dass wir wohl oder übel weiterziehen mussten. Zuvor machte Frau Meißner uns Mädels aber vor, wie man Jungs gekonnt abblitzen lässt. Denn zwei deutsche Jungs sprachen uns auf der Straße an und wollten sich offensichtlich unserer quirligen Gruppe aus Schülerinnen und Lehrkräften anschließen. Auf die Frage der Jungs, wie schwer es denn sei, in die schicke Rooftop-Bar reinzukommen, konterte Frau Meissner trocken: „Also wir kommen auf jeden Fall rein. Bei eurem Outfit weiß ich das nicht so genau.“ Daraufhin waren die beiden Jungs schnell weg .-)

Auf den Dienstag freuten sich meine Freundinnen und ich besonders, denn wir wollten erneut die Läden Valencias unsicher zu machen. Doch unsicher wurden dann eher wir. Denn im Bus unterhielten wir uns lauhals über Mädchenthemen, die eigentlich nicht für fremde Ohren bestimmt sind, bis die Personen hinter uns plötzlich anfingen ebenfalls deutsch zu sprechen. Sie hatten also jedes Wort von uns verstanden. Das war superlustig und peinlich zugleich. Dann trafen wir in einer Seitengasse ausgerechnet die beiden männlichen Kartoffeln wieder, welche Frau Meißner einen Tag zuvor abblitzen gelassen hatte. Im nächsten Augenblick flog eine Unterhose direkt neben uns vom Himmel oder besser gesagt von der Wäscheleine, und und und. Wir waren jedenfalls sehr gut gelaunt, schließlich sind manchmal die kleinsten Dinge die lustigsten.

Am Dienstag ging es ins riesige Wissenschaftsmuseum, wo wir interaktiv mitmachen konnten: zum Beispiel spielte Nico für uns Klavier, wir malten mehr oder minder vorzeigbare Kunstwerke, testeten unsere Kräfte beim Weitsprung oder beim Seilziehen, duellierten uns bei Geschicklichkeitswettbewerben, tanzten lustige Choreographien und imitierten vor der Kamera Wandbilder. Am späten Nachmittag brach dann eine Gruppe auf zu einer Bootstour auf einem Süßwassersee nahe Valencia, der für seinen Reisanbau und seine reiche Vogelwelt berühmt ist. Die Vogelwelt beschränkte sich zwar auf einige schöne Reiher, aber zumindest erlebten wir einen romantischen Sonnenuntergang auf dem Wasser. Bei der Gelegenheit bewies Frau Meißner, dass die Schüler ihr blind vertrauen: Als sie nämlich behauptete, es führe keine Bahn mehr zurück, wollten einige von uns direkt aufbrechen, um den mehrstündigen Rückweg zu Fuß zu bewältigen, bevor Frau Meissner ihren Witz dann auflöste.

Zur Kultur eines fremden Landes gehört aber auch die Musik, der Tanz und das Nachtleben. In all das mussten wir natürlich ebenfalls eintauchen. Deshalb schnappte sich Frau Meißner in der letzten Nacht uns Schülerinnen und es ging gemeinsam mit den Jungs in einen angesagten Club, während sich Herr Nagler um die minderjährigen Schüler kümmerte, die von den Türstehern leider gnadenlos abgewiesen wurden. Ich war davor noch nie im Club gewesen und es erwies sich als eine tolle Erfahrung, die ich mich allein nicht getraut hätte. Frau Meißner hat uns Jugendlichen sozusagen gezeigt, wie cool es ist, jugendlich zu sein und auf Bad Bunny und Hip-Hop abzutanzen. Um 3 Uhr morgens krochen wir schließlich für ein paar Stunden Schlaf in unsere Betten, bevor der Heimreisemorgen graute.

An diesem besagten Mittwoch Morgen klingelte der Wecker viel zu früh. „Waaas der letzte Tag schon?“, dachte ich mir. Wir stopften unsere verknitterten Tops und Hosen in die Koffer. Anschließend besuchten wir das Stadion des FC Valencia. Die Ränge dort sind in den Vereinsfarben schwarz und orange gehalten und bilden eine riesige Fledermaus ab, die nicht nur als Wappentier der Stadt, sondern auch als stolzes Symbol des Vereins FC Valencia fungiert. Wir durften sogar den Sitzplatz des Königs probesitzen, der sich überraschenderweise nicht wirklich von allen anderen abhob. Es gab aber einen weiteren besonderen Stuhl im Stadion: den eines legendären Zeugwarts. Dieser wird seit dessen Tod als Erinnerung in der Spielerkabine aufbewahrt und sah echt schon ganz schön alt und kaputt aus.

Der andere Teil der Klasse besuchte währenddessen Valencias historische Seidenbörse, wo uns laut Herrn Nagler „leider ein etwas anstrengender, aber dafür sehr preiswerter Möchtegern-Führer“ erwarte. Natürlich entpuppte sich dann er selbst als dieser Guide. Mit Eintritt in die Lonja de la Seda reisten wir zurück in die Epoche der Renaissance, als Valencia durch den internationalen Seidenhandel reich wurde und dies für alle Welt durch seinen Börse demonstrierte. Von außen wirkte die Lonja auf uns noch wie eine Trutzburg, aber innen eröffnete sich uns ein prachtvoller Handelssaal, der von majestätischen Säulen getragen wurden, die uns an Palmen erinnerten. Kein Wunder, dass die Börse von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Nach dem Mittagessen wartete noch ein allerletzter, aber umso besonderer Programmpunkt: unser Mitschüler Tom, Sänger beim Stuttgarter Knabenchor „Collegium Iuvenum“, gab uns in einer Valencianischen Kirche eine beeindruckende Gesangseinlage. Seine Stimme mit der Akustik der Kirche bescherte uns allen Gänsehaut. Diese Einlage rundete die Studienfahrt für uns ab. Müde und glücklich flogen wir gegen 21 Uhr ins Schwabenländle zurück. Am Stuttgarter Flughafen flogen wir dann noch ein allerletztes Mal - in die Arme unserer wartenden Familien.

Valencia war für mich ein Highlight meiner Schullaufbahn. Zu sehen, was für Lebensstandards die Menschen in einem anderen Land haben, auch im Vergleich zu uns in Deutschland, war eine wertvolle Erfahrung, die sich nicht im Klassenzimmer unterrichten lässt. Außerdem war es die Aussicht auf diese Studienfahrt ins Warme, die mich das ganze Schuljahr über motiviert hatte. Meine Hoffnung war, dass ich mit meinen Mitschülern enger zusammenwachse, so dass das 13. Schuljahr, unser letztes überhaupt, noch schöner und intensiver als Klassengemeinschaft wird. Ich denke, das ist gelungen. Denn in Valencia haben wir uns nochmal anders kennengelernt, ohne Schulstress, ohne den Druck, funktionieren zu müssen und bewertet zu werden. Wir erlebten aufregende Dinge zusammen, halfen uns gegenseitig, sprachen Spanisch und lernten auch unsere Lehrer von einer ganz anderen Seite kennen. Was ich an der Studienfahrt besonders geschätzt habe, waren die Gespräche, die man sonst so in der Schule nicht führt. Als Begleitlehrer hätten wir uns niemand Besseren vorstellen können, als Herrn Nagler und Frau Meissner, die sich perfekt ergänzten. Herr Nagler, der immer mit Freude und Begeisterung den Schülern (sowohl im Unterricht als auch auf Studienfahrt) Dinge erzählt und lehrt, so dass es nie langweilig wird und einfach cool ist. Frau Meißner mit ihrer wertschätzenden Art, die jedem das Gefühl gibt, perfekt zu sein. Jetzt sind wir alle, Schüler wie Lehrer, eine eingeschworene Gruppe und werden uns ganz sicher noch lange an diese besonderen Tage in Valencia erinnern.

Franka Single und Laura Maloku

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