Die WGJ2A beim Poetry Slam „Dead or Alive“ in Stuttgart

Mit einer Bewertungstafel im Theaterpublikum sitzen und selbst entscheiden, wie viele Punkte Erich Kästner verdient? Keine ganz alltägliche Aufgabe für mich als Schüler. Beim Poetry Slam „Dead or Alive“ gehörte es jedoch zum Programm und ich gehörte plötzlich zur Jury, die über Sieg oder Niederlage bestimmt.

Aber von vorne: Am Sonntag, dem 18. Oktober 2026, besuchten wir, die WGJ2A mit unserem Deutsch-Lehrer, Herrn Nagler, den Poetry Slam „Dead or Alive“ im Alten Schauspielhaus zu Stuttgart. Um 18 Uhr hieß es Bühne frei für drei lebenden Poeten und ihre längst verstorbene Konkurrenz. Denn der Name des Poetry Slams rührte daher, dass an diesem Abend die jungen und quicklebendigen Slampoeten mit ihren eigenen Texten gegen drei deutsche Dichterlegenden aus dem Jenseits antraten. Den toten Dichtern liehen dabei Schauspieler des alten Schauspielhauses ihre Körper und ihre Stimme und erwecken diese dadurch wieder zum Leben.

Obwohl ich mich für meinen Vortrag bereits mit Poetry Slam beschäftigt hatte, war ich vor meinem ersten Besuch noch etwas skeptisch. Ich war unsicher, ob die Texte und der Humor meinen Geschmack treffen würden. Gleichzeitig war ich neugierig und auch ein wenig aufgeregt, das Ganze nun selbst zu erleben.

Neben meinen eigenen Erwartungen hatte ich auch die Prognose unseres Deutschlehrers im Hinterkopf. Herr Nagler meinte, dass die Sympathie des Publikums eher den heutigen Underground-Poeten gehören werde. Ob er damit recht behalten sollte und wer mich selbst am meisten überzeugen würde, wollte ich an diesem Abend herausfinden.

Die Teilnehmer und meine Aufgabe als Jurymitglied

Für die lebende Seite gingen Gina Walter, Anuraj Sri Rajarajendran und Florian Wintels mit ihren eigenen Texten ins Rennen. Ihre Konkurrenz konnte natürlich nicht persönlich erscheinen. Deshalb übernahmen drei Darsteller des Schauspielhauses die Vertretung. Magdalena Flade spielte Loriot, Amelie Sturm verkörperte Eduard Mörike und Paul Schaeffer brachte Erich Kästner auf die Bühne.

Dass dieser Wettstreit etwas anders ablaufen würde als ein gewöhnlicher Poetry Slam, erklärte Moderator Marius Loy gleich zu Beginn. Normalerweise müssen die Texte selbst geschrieben sein, die Vortragszeit ist auf etwa fünf bis sechs Minuten begrenzt und Requisiten oder Verkleidungen sind nicht erlaubt. Das Schauspielteam durfte dagegen die Texte der verstorbenen Autoren mit Kostümen und Gegenständen darstellen. Beide Seiten hatten also unterschiedliche Möglichkeiten, die Sympathie des Publikums zu gewinnen. Der Abend war in zwei Runden aufgeteilt, zwischen denen es eine 20-minütige Pause gab. Alle sechs traten in jeder Runde einmal auf und sammelten Punkte für ihr Team. Ausgeschieden ist dabei niemand. Auch nach einer niedrigeren Bewertung bekam jeder einen zweiten Auftritt, und am Ende entschied die Summe der Punkte aus den Beiträgen des jeweiligen Teams über den Teamsieg. Über diese Punkte sollten fünf Freiwillige aus dem Publikum entscheiden. Als sich zunächst nur Zuschauer mittleren Alters meldeten, hob auch ich die Hand. Schließlich sollte die jüngere Generation bei der Bewertung ebenfalls mitreden. Damit hatte ich mir allerdings eine zusätzliche Aufgabe eingehandelt. Ich musste zuhören, mitschreiben und anschließend entscheiden, welche Zahl zu meinem Eindruck passte. Zwischen einem und zehn Punkten konnten wir vergeben, auch mit einer Nachkommastelle. Ob uns ein Beitrag zum Lachen brachte, berührte oder zum Nachdenken anregte, lag dabei ganz im persönlichen Empfinden. Von unseren fünf Wertungen wurden die höchste und die niedrigste gestrichen, damit einzelne besonders hohe oder niedrige Urteile weniger ins Gewicht fielen. Die übrigen drei wurden addiert und dem jeweiligen Team gutgeschrieben. Pro Auftritt waren damit bis zu dreißig Punkte möglich.

Ganz allein war ich mit meinen Entscheidungen allerdings nicht. Meine Sitznachbarn überlegten mit, und Ibrahim fragte: „Bist du dir da sicher?“ Auch Zuschauer, die ich gar nicht kannte, zeigten mir, welche Punktzahl sie passend fanden. An Vorschlägen mangelte es mir also nicht. Die Entscheidung lag am Ende trotzdem bei mir, wobei ich unter Herrn Naglers kritischen Blicken von der anderen Seite der Empore bei mancher Punktzahl doch noch einmal ins Grübeln geriet.

Die Moderation von Marius Loy

Für die lockere Stimmung im Saal sorgte Marius Loy, der Moderator des Abends. Für mich hatte er einen wesentlichen Anteil daran, dass der Abend so unterhaltsam wurde. Schon bei der Begrüßung ließ er sich unsere Vornamen zurufen, und zwar alle gleichzeitig. Ob er sich danach jeden Namen merken konnte, blieb offen. Für einen ersten Kontakt mit dem Publikum funktionierte es jedenfalls.

Anschließend unterhielt er sich mit einzelnen Zuschauern, darunter Monika, die ihrem Mann den Besuch geschenkt hatte und selbst zum ersten Mal dabei war. Auch unsere Schulklasse bezog er ein. Aus solchen Gesprächen entstand schnell eine persönliche Atmosphäre, in der man sich angesprochen fühlte.

Wie gut Loy Erklärungen mit Unterhaltung verbinden konnte, zeigte seine Applausübung. Statt lange zu beschreiben, wie unterschiedlich ein Beitrag beim Publikum ankommen konnte, ließ er uns verschiedene Reaktionen ausprobieren. Von vorsichtigem Klatschen bis zum lautstarken Jubel durfte der Saal zeigen, was in ihm steckte. Das machte Spaß und zeigte zugleich, wie sehr das Publikum zum Gelingen eines solchen Abends beiträgt. Wir mussten unsere Begeisterung hier jedenfalls nicht für uns behalten.

Auch bei den Künstlerankündigungen blieb es nicht beim Vorlesen der Namen. Loy erzählte etwas über die Auftretenden, ihren bisherigen Weg und ihre Arbeit und verband das mit humorvollen Bemerkungen. Dadurch bekamen wir schon vor dem eigentlichen Beitrag einen ersten Eindruck von der Person auf der Bühne. Mir half es, mich auf die unterschiedlichen Auftritte einzustellen. Auch während der Beiträge blieb Loy auf einem Stuhl am linken Bühnenrand sitzen. Er hielt sich etwas im Hintergrund, war aber weiterhin präsent und verfolgte die Auftritte mit.

Besonders überzeugte mich, wie selbstverständlich er zwischen diesen Aufgaben wechselte. Er erklärte, fragte nach, griff Antworten aus dem Publikum auf und leitete zum nächsten Beitrag über. Seine Scherze wirkten auf mich nicht wie ein vorbereitetes Programm. Vielmehr schien er spontan auf die Menschen und Situationen im Saal zu reagieren. Dadurch hatte ich das Gefühl, dass er uns wirklich zuhörte und aus unseren Antworten etwas machte. So schnell eine passende, lustige Bemerkung zu finden und dabei den Ablauf im Blick zu behalten, ist eine Kunst für sich. Bei ihm sah das erstaunlich leicht aus. Diese Momente gehörten für mich genauso zum Abend wie die Beiträge selbst. Mit seiner lebendigen, lustigen und ungezwungenen Moderation hielt Loy die Verbindung zum Publikum und gab dem Abend einen roten Faden.

Die Kulisse hatte übrigens schon vor unserem Besuch eine andere Aufgabe. Wie Loy im Verlauf des Abends erklärte, gehörte sie zur Theaterproduktion „Gaslicht“ und war nicht eigens für den Poetry Slam aufgebaut worden.

Die Beiträge und ihre Wirkung

Florian Wintels eröffnete den Abend mit einer Geschichte über seinen Wunsch nach einem Hund. Das erzählende Ich versucht, seine Eltern mit einer ausführlichen Rede zu überzeugen. Zunächst stellt man sich dabei einen kleinen Jungen vor, bis sich herausstellt, dass der Sohn längst erwachsen ist. Diese überraschende Wendung und die übertriebenen Argumente machten den Beitrag lustig. Mich überzeugte er allerdings noch nicht vollständig. Ich vergab 6,8 Punkte, insgesamt erhielt Florian 20,6 Punkte.

Bei seinem zweiten Auftritt erklärte er zunächst, keinen weiteren Text geschrieben zu haben. Darauf folgte eine fantasievolle Geschichte darüber, warum ihm das Schreiben angeblich nicht gelungen war. Genau darin lag der Witz. Aus dem fehlenden Text war längst ein ganzer Beitrag geworden.

Besonders begeisterte mich diesmal sein freier Vortrag. Mit Rollenwechseln, gerappten Passagen und viel Bewegung mit Händen und Körper machte er die Geschichte lebendig. Ähnlich wie bei Marius Loy wirkte vieles spontan, obwohl der Text erkennbar durchdacht war. Florian erzählte so natürlich und ungezwungen, als würde ihm die Geschichte gerade erst einfallen. Der Gedanke „Poesie wird vermenschlicht“ zeigte sich für mich hier besonders deutlich. 9,1Durch seine Stimme und Körpersprache bekam ich die Situationen nicht nur erzählt, sondern konnte sie mir unmittelbar vorstellen. Nach seinem ersten Beitrag hatte ich nicht damit gerechnet, dass mich sein zweiter so begeistern würde. Doch je länger er vortrug, desto mehr zog er mich in seine Geschichte hinein. Dafür gab ich ihm glatte zehn Punkte. Mit insgesamt 29,4 Punkten erzielte er außerdem die höchste Einzelwertung des Abends.

 

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